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Architecture inspires Art

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THE DAY STUDIO, 1994 Acryl 150 x 200 cm – Richard Caston

RICK CASTONS SCHULATELIER

Der Geruch von Farbe und Papier, das Volumen des Saales, bereitstehende Utensilien, begonnene und fortgeschrittene Arbeiten, das Licht: alles wartet auf Akteure – und Zuschauer – denn dieses Atelier ist nicht nur ein Ort an dem gemalt wird, es ist ein Ort, an dem jeden Schultag Hunderte von Augen verfolgen, was da geschehen ist und geschieht – eine Bühne.

Das Programm dieser Bühne ist jedoch das pure Gegenteil von eingespieltem Repertoire. Hier gibt es keine Wiederholungen. Hier läuft eine unendliche Folge von Proben, Experimenten, Konstruktion- und Darstellungsversuchen ab, und so paradox es klingen mag – dieser Aktionsraum ist zugleich ein Ort der inneren Welt, der einsamen individuellen Imagination.

Während meiner letzten Schuljahre an einem staatlichen Gymnasium war der Zeichenunterricht der einzige, in dem ich nicht nicht ab-gefragt, sondern gefragt fühlte, der einzige, wo ich etwas Eigenes produzieren durfte, wo sich jemand – der Zeichenlehrer und beim Besprechen der Arbeiten die Klasse – mit meinen Vorstellungen beschäftigte, wo ich nicht kontrolliert, sondern beachtet wurde. Für mich eine Art Brücke zur Schule, die in meinen Augen mindestens 1/3 ihrer Bedeutung ausmachte, das fast einzige Element, das nicht mich ihr versöhnte – in ein bis zwei Stunden pro Woche. Gibt es noch ein anderes Fach, in dem es so interessant ist, was jeder macht und wie er es macht?

Natürlich wünscht man sich einen Raum, der ein Gefühl der Freiheit vermittelt, groß, aber mit Grenzen, hoch, aber in menschlichen Dimensionen und mit leichter Decke, hell, mit regulierbarem Lichteinfall, ruhigen Wandflächen, Ausblicken … das alles sind aber nur gewisse Voraussetzungen zum Arbeiten. Das eigentlich Atelier ist eine imaginäre Hülle, welche die reale Hülle überspielt, in Projektionen verlängert – in denen sie mehr und mehr verschwindet, in denen die reale Welt vielleicht noch in Form von Erinnerungslücken bleibt.

Text von Joachim Schlandt (Auszug aus einem Beitrag zum Ausstellungskatalog, Richard Caston „The Studio“, 1996)